Handwerk wird Imagesieger der Digitalisierung sein


Zukunftsräume 2019

Auf der Veranstaltung „Zukunftsräume“ begrüßten HWK-Präsident Hans Hund (r.) und -Hauptgeschäftsführer Thomas Banasiewicz (l.) den Philosophen Prof. Dr. Richard David Precht (2.v.r.) und Moderator Ulrich Reitz (2.v.l.) Foto: HWK/Peter Leßmann

06. September 2019 | HWK-Zukunftsräume: Prof. Dr. Richard David Precht forderte mehr praktisches Werken an Schulen
 
„Hochwertiges Handwerk wird zu den Berufen gehören, die bei zunehmender Digitalisierung Zukunft haben. Handwerk wird der Imagesieger sein.“ Davon zeigte sich Prof. Dr. Richard David Precht in seinem Impulsvortrag auf der gestrigen (Freitag, 6. September) Veranstaltung „Die digitale Revolution und die Zukunft der Arbeit“ überzeugt. Zum Diskurs und zur Diskussion über dieses Thema hat Hans Hund, Präsident der Handwerkskammer Münster, rund 150 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und öffentlichem Leben aus dem ganzen Kammerbezirk im Messe und Congress Centrum Halle Münsterland begrüßt.
 
Das Handwerk, so Precht, sei gefordert, lautstark auf sich aufmerksam zu machen. Schulen müssten mehr auf praktisches Werken setzen und Praktiker – Meister – aus dem Handwerk sowie praxiserfahrene Lehrer einbinden. Diese Empfehlungen gab der Philosoph und Publizist zur Bewältigung der Herausforderungen für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Er prognostizierte, dass im Zuge der zunehmenden Digitalisierung nicht so viele IT-Fachkräfte gebraucht würden, dass sie die massiven Arbeitsplatzverluste in zahlreichen Branchen ausglichen. Diese Gefahr bestehe vor allem, wenn die Kaufkraft sinke und die Märkte nicht wüchsen. Dann führe die technische Entwicklung nicht zur Zunahme an Beschäftigung.
 
Precht rechnet damit, dass künftig neben hochwertig arbeitenden Handwerkern auch Projektmanager, Empathieberufe – Berufe in denen es Menschen wichtig sei, mit Menschen zu tun zu haben – und einige wenige hochqualifizierte IT-Spezialisten nachgefragte Arbeitskräfte seien.
 
Moderator Ulrich Reitz brachte die Frage auf: „Was kann für einen Imagewandel des Handwerks getan werden?“ Aus Prechts Sicht sei das krampfhafte Streben nach dem Abitur und Studium eine Entwicklung, die nicht mehr lange gelte. Sein Rat an Eltern war, den Fokus mehr aufs Handwerk zu legen. Die Trennung zwischen akademischen und praktischen Berufen werde sich im Zuge der Digitalisierung auflösen, unterstrich der Wissenschaftler: „Das akademische Fußvolk wird wegfallen.“ Ziel solle ein gleichwertiger Schulabschluss mit verschiedenen Schwerpunkten, auch einem praktischen, sein.
 
Reitz lenkte das Thema auch auf das von Precht befürwortete bedingungsloses Grundeinkommen. Das Erfordernis begründete Precht mit massiven Arbeitsplatzverlusten bei gleichzeitiger Alterung der Gesellschaft und damit Schwächung des Sozialstaates. Der Philosoph vermutet, dass ein Grundeinkommen es vielen Betrieben, die auf Teilzeitkräfte angewiesen seien, etwa Bäckern, auch erleichtern werde dieses Personal zu finden.
 
Von der Digitalisierung machte Precht einen Schlenker zur Verwaisung von Innenstädten. Durch die hohe Online-Konkurrenz müssten immer mehr qualifizierte Einzelhändler in den Städten aufgeben. Er brachte eine 25-prozentige Mehrwertsteuer auf Bestellungen im Internet ins Spiel und schlug vor, die Erlöse den Kommunen zur Verfügung zu stellen. Diese könnten dann wieder beginnen, die Stadtkultur wiederherzustellen. Die Belebung der Innenstädte ist auch ein langjähriger Wunsch der Handwerkskammer Münster.
 
Precht betonte abschließend: „Ich bin froh über die Qualität des Handwerks in Deutschland.“ Der qualifizierte Mittelstand in Deutschland sei ein Standortvorteil gegenüber den USA und China bei weiter zunehmender Digitalisierung.
 
Die Veranstaltung war der Auftakt der Reihe „Zukunftsräume“, in der die Handwerkskammer den Diskurs mit Visionären und Denkern sucht. Sie will Gespräche über wegweisende Lösungen von aktuellen Herausforderungen führen.

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Auf der Veranstaltung „Zukunftsräume“ begrüßten HWK-Präsident Hans Hund (r.) und -Hauptgeschäftsführer Thomas Banasiewicz (l.) den Philosophen Prof. Dr. Richard David Precht (2.v.r.) und Moderator Ulrich Reitz (2.v.l.)
Foto: HWK/Peter Leßmann

Pressemitteilung 30/2019

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